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Hartmut Krauss

Al Qaida für Christen und Antimarxisten

Anders Breivik und die reaktiven Folgen

des 11. September 2001

 

Vorbemerkung

Die Gattung Mensch, selbst Entwicklungsprodukt der Naturgeschichte, tritt der außermenschlichen Natur als spezifische Naturmacht gegenüber, die sich dadurch auszeichnet, dass sie sich dauerhaft nur vermittels kooperations-, kommunikations- und werkzeugvermittelter Umgestaltung der äußeren Realität am Leben zu erhalten vermag.

Der individuelle Mensch als Teil der Gattung verfügt seinerseits - unabhängig von interindividuellen Variationen betrachtet - über die artspezifische biologische Potenz zur lernenden Aneignung und Entwicklung des vorgefundenen vergegenständlichten Sozialerbes der vorangegangenen Generationen. Inwieweit und in welcher Form sich nun diese individuelle Lern- und Entwicklungspotenz realisiert, hängt ganz wesentlich von konkret-gesellschaftlichen Vorgaben sowie den (fördernden, hemmenden, deformierenden etc.) sozialen Mikrobedingungen und Interaktionserfahrungen ab[1].

Unabhängig von bzw. zusätzlich zu dieser Entwicklungs- und Vergesellschaftungspotenz ist der individuelle Mensch a priori weder auf „gut“ oder „böse“ programmiert bzw. festgelegt, sondern besitzt den Status eines moralisch kontingenten Wesens. Positiv ausgedrückt: Dem individuellen Menschen ist die Möglichkeit gegeben, das „Gute“ aus sich heraus zu empfinden und zu wollen. Negativ ausgedrückt: „Kein einziges Tier außer dem Menschen kann zum Menschen werden, der Mensch kann jedoch Mitglied einer jeden Gesellschaft werden und innerhalb seiner physischen Möglichkeiten zu jedem Tier und sogar schlimmer als jedes Tier“ (Galperin 1980, S. 214.). Entscheidend sind auch hier letztlich die komplexen Vermittlungs- und Erfahrungszusammenhänge zwischen individuellem Subjekt und objektiven Lebensbedingungen.

 

Zum Verhältnis von individueller Disposition und Ideologie

Da es keinen kausalmechanischen Determinismus gibt, der menschliche Individuen zwangsläufig zu grausamen (Massen-)Mördern macht, ist von einem konkreten Wechselwirkungszusammenhang zwischen a) individueller Veranlagung, b) subjektspezifischer Sozialisationserfahrung (als Mikroaspekt gesellschaftlicher Verhältnisse) und c) objektiv vorgegeben Bedeutungssystemen/Ideologien auszugehen.

Ohne hier näher auf die unterschiedlichen Typen von Schwerstkriminellen wie Serienmörder, Triebtäter, Amokläufer etc. einzugehen, gilt doch vor allem für terroristische Attentäter ein besonders enges Verhältnis zwischen individueller Disposition (Verbindung von Veranlagung und Sozialisationserfahrung) und handlungslegitimierender und -motivierender Ideologie: Je größer die Zahl von Individuen ist, die einerseits un- oder fehlverarbeitete lebensgeschichtliche Traumata[2] mit sich herumschleppen und andererseits eine aktivistisch-extrovertierte Persönlichkeitsstruktur aufweisen und je größer der Masseneinfluss irrational-antihumanistischer Ideologien mit religiös überhöhter Gewaltlegitimation ist[3], desto größer die Zahl von Personen, die sich in Richtung auf eine terroristische Laufbahn entwickeln könnten und es realiter auch tun.

Terroristische Akteure und deren Taten wären somit als Produkt der Verknüpfung einer individuell-spezifischen Disposition mit einer irrational-antihumanistischen, insbesondere religiös überwölbten Mobilisierungsideologie zu begreifen. Sie lassen sich weder ausschließlich auf „Psychologie“, also auf endogen geschlossene psychische Prozesse, noch auf „Ideologie“, also auf mechanisch-automatische Auswirkungen ideologischer Einflüsse, reduzieren bzw. daraus unmittelbar ableiten. Grundlegend ist vielmehr die Aufdeckung der psycho-ideologischen Verknüpfungslogik zwischen (spezifisch sozialisiertem) individuellen Subjekt und objektivem (dem Individuum gesellschaftlich vorgegebenen) ideologischen Bedeutungssystem.

 

Anders Breivik als spiegelverkehrter Djihadist

Zentrale Auslöser einer psycho-ideologischen Entwicklung zum individuellen Terroristen können bei entsprechender Disposition insbesondere gravierende kollektive Traumata wie zum Beispiel Kriege oder vorgängige terroristische Großereignisse sein. Bei Anders Breivik waren es eindeutig die Mega-Attentate vom 11. September 2001. Einerseits lösten diese aus unbändigem islamistischen Hass auf die westlich-nichtmuslimische Zivilisation entspringenden Terroraktionen einen ebenso unbändigen Gegen-Hass bei Anders Breivik aus, andererseits war dieser von der gigantischen Inszenierung der Anschläge fasziniert. Ihm ging es fortan darum, den terroristischen islamischen Djihadismus operativ-praktisch zu kopieren und in begründungsideologischer Hinsicht ein direkt gegensätzliches Feindbild zu kreieren.

Nach eigenem Bekunden ließ sich Breivik von der Terrororganisation Al Qaida, die er als „erfolgreichste Revolutionsbewegung der Welt“ bezeichnete, unmittelbar inspirieren. Er habe diese Organisation mehrere hundert Stunden lang im Internet und über Filme studiert. Zwar sei das Problem der militanten Islamisten, dass sie zu sehr auf Sprengstoff und nicht auf Amokläufe mit Schusswaffen setzten, aber insgesamt seien sie so erfolgreich, weil sie „Märtyrer“ (Selbstmordattentäter) einsetzten, die den Tod nicht fürchteten. „Ich habe viel von Al-Kaida gelernt“, erklärte Breivik vor Gericht. Das Ziel sei gewesen, eine Art Al Qaida für Christen zu schaffen.

Nach dem Vorbild der im Internet präsentierten Videoaufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie entführten Ungläubigen die Hälse abgeschnitten werden, plante Breivik, die frühere norwegische Ministerpräsidentin Brundtland zu entführen und ihr den Kopf abzuschlagen. Die Enthauptung habe er wie seine zugleich gehassten und bewunderten islamistischen Vorbilder filmen und die Aufnahmen im Internet veröffentlichen wollen. Dabei legte Breivik Wert auf die Feststellung, dass die Enthauptung ursprünglich eine traditionelle europäische Strafe gewesen sei, die als mächtige psychologische Waffe eingesetzt werden sollte[4].

Den Anschlägen des 11. September sowie den Aktionen des aktuellen djhadistischen Terrorismus liegt eine selektiv-radikale Auslegung des orthodoxen Islam zugrunde, d. h. eine spezifische Legitimationsideologie auf der Basis der autochthonen islamischen Herrschaftskultur der Attentäter. Trotz sekundärer Unterschiede und Varianzen zwischen den islamischen Ländern und Regionen sind doch im Vergleich zu den hyperpluralisierten und atomisierten westlich-kapitalistischen Gesellschaften relativ gleichförmige religiös-weltanschauliche Richtlinien (Koran, Hadtihsammlung, Scharia, Vorbild der medinesischen Ursprungsgemeinde) und homogenisierende Rituale (Moscheebesuch, Muezzinruf, Freitagsgebet, Ramadan, Koranschule etc.) allgemein bewusstseins- und -verhaltensprägend. Die Radikalisierung bzw. Extremisierung findet hier folglich im Rahmen einer noch relativ ungebrochenen und allgemeinverbindlichen vormodern-religiösen Bezugsideologie statt. Hinzu kommt, dass das orthodox-islamische Aussage- und Normensystem ein reichhaltiges Anknüpfungs- und Begründungsmaterial für radikal-militante Aktualisierungen bereitstellt. Entsprechend größer ist hier auch die Zahl an terroristischen Akteuren und gewaltbereiten Kräften als Resultat regressiver Verarbeitung gesellschaftlicher Krisenprozesse.

 

Anders Breivik als ethno-nationalistischer Counter-Terrorist

Ein solches relativ gleichförmiges, allgemeinverbindliches, habitualisiertes und unmittelbar anknüpfungsfähiges Bedeutungsumfeld zur Legitimation von terroristischen Gewalttaten ist zumindest in postmodernen nordwesteuropäischen Gesellschaften nicht einmal ansatzweise vorhanden. Hier dominiert vielmehr eine weltanschaulich-politische Diffusion, normative Heterogenität und oberflächliche Beliebigkeit einerseits sowie ein privatindividualistischer Sozialcharakter andererseits. Um seinen reaktiven Impuls zum okzidentalen Counter-Djihad (als individualpsychologische Verarbeitungsform) zu begründen, kann Breivik deshalb zum einen nicht auf eine anschlussfähige kulturinterne Legitimationsideologie zurückgreifen und sieht sich zum anderen mit der (von ihm unbegriffenen) Dominanz proislamischer und multikulturalistischer Toleranzdiskurse konfrontiert, die er in völliger Verblendung als „Kulturmarxismus“ (statt globalkapitalistischen Postmodernismus) fehlinterpretiert[5]. Was Breivik charakterisiert; ist somit eine spezifische Kombination aus folgenden Grundkomponenten:

1. Eine ambivalente Mixtur aus Hass und Bewunderung gegenüber der islamischen Herrschaftskultur und ihrer terroristischen Speerspitze als Antriebsgrundlage für die Schaffung einer spiegelverkehrten Negation (Al Qaida für Christen).

2. Hass auf die als „Kulturmarxismus“ fehlinterpretierte, unkritisch-gewährende Toleranzkultur gegenüber dem Islam sowie generell gegenüber jeder fremden Kultur.

3. Eine psychopathologische Disposition mit ausgeprägten Zügen von Größenwahn und Narzissmus (krankhaft-egomanische Anerkennungssucht) in Verbindung mit einem konservativ-rechtsradikalen Eklektizismus.

Das islamistische Hassbild gegen die Kreuzfahrer einschließlich der Juden wird in sein direktes Gegenteil verkehrt und in Form des heroisierten Tempelritters dem Djihadismus als positive Identitätsgrundlage direkt entgegengesetzt. D. h. der Templerorden als militärische Eliteeinheit des christlichen Abendlandes zur Zeit der Kreuzzüge dient Breivik als imaginäre Folie zur Schaffung eines antidjihadistischen Gegenmodells. In diesem Kontext wird sein psychopathischer Größenwahn wirksam, indem er die aktuelle Existenz eines angeblich in Norwegen und in Gesamteuropa existierenden Templerordens halluziniert, in dem er selbst die Kernfigur darstellt. Diese psychopathologische Setzung einer imaginierten, mit historisch- und aktualempirisch Bedeutungsmaterial aufgeladenen Vorstellungswelt, in der Ich und Wir ständig verfließen, dient Breivik als Stabilisator für seine Agenda als einsamer terroristisch-massenmörderischer Wolf.

Wie aus der „Erklärung der Internationalen Islamischen Front für den Heiligen Krieg gegen die Juden und Kreuzfahrer“ klar hervorgeht, können die Islamisten der Al Qaida ohne größere Umschweife unmittelbar auf ihre orthodoxen Glaubensgrundlagen zurückgreifen, um ihre mörderischen Taten religiös zu überhöhen und so zu rechtfertigen. „’Ich bin mit dem Schwert geschickt worden, vor dem Tag des Gerichts, damit allein Gott angebetet werde. Er hat meine Lanze zu meinem Broterwerb gemacht und hat jedem, der mir nicht gehorcht, Demütigung und Unglück versprochen’ (Hadith aus dem Musnad von Ahmed Ibn Hanbal).“ (Kepel, Milelli 2006, S. 85). In Verbindung mit diesem „salafistischen“ Vorbild des Propheten Mohammed werden die entsprechenden Koranverse angeführt, die zur Tötung der Ungläubigen anstacheln, so zum Beispiel Sure 2, Vers 4: „Und bekämpft sie, bis die Verführung aufgehört hat und der Glauben an Allah da ist“ (ebd., S. 88). Es bedarf keiner nennenswerten hermeneutischen Verrenkungen, um folgende „moderne“ Anwendung bzw. Innovation hervorzubringen: „Die Amerikaner und ihre Verbündeten zu töten, ob Zivilisten oder Soldaten, ist eine Pflicht für jeden Muslim, der es tun kann, in jedem Land, wo er sich befindet, bis die al-Aqsa-Moschee und die große Moschee in Mekka von ihnen befreit sind (…) entsprechend Seinem Befehl, gelobt sei Er!: Bekämpfet die Götzendiener insgesamt, wie sie euch bekämpfen insgesamt, und wisset, daß Allah mit den Gottesfürchtigen ist (Koran 9, 36)“ (ebd.).

In Ermangelung einer solchen unmittelbaren (kulturell hegemonialen) Anknüpfungsgrundlage für seinen counterdjihadistischen Affekt musste Breivik sich eine solche ideologische Rechtfertigungsgrundlage erst schaffen, wobei er das gesamte ihm zugängliche konservative und rechtsradikale Bedeutungsmaterial Europas auf individualspezifisch verrückte Weise zusammenklaubte und einen eklektischen Brei hervorbrachte: So wird der Mythos des Templerordens verknüpft mit extremem Nationalismus und Ethnozentrismus. Breivik sieht sich selbst als „militanten Nationalisten“ und seine Tat als „spektakulärsten politischen Angriff eines Nationalisten seit dem Zweiten Weltkrieg“. Er bezieht sich auf ein norwegisches Urvolk, das das Land seit 12.000 Jahren besiedle und gab seinen Waffen Namen. „Das (halb-automatische) Gewehr hieß Gungnir, wie der magische Speer des Gottes Odin, der nach jedem Wurf zurückkehrt, während ich die Glock (halb-automatische Pistole) Mjölnir nannte, nach dem Hammer von Thor, dem Gott des Krieges“, sagte der 33-Jährige[6].

Ganz gemäß der ethnokulturellen Reinheitsideologie wird die Anwesenheit von Zuwanderern aus anderen Kulturregionen auf dem norwegischen Stammesgebiet - unabhängig von deren konkreter Subjektivität und Gesinnung - als Übel angesehen. Damit steht Breivik mit seinem Einstellungsmuster einer abstrakt-pauschalen Fremdenfeindlichkeit in einem unversöhnlichen Gegensatz zur abstrakt-pauschalen Fremdenfreundlichkeit, die oftmals mit kulturrelativistischer Ideologie verbunden ist. Sein ganzer Hass gilt diesem entgegengesetzten Modell des „Multikulturalismus“, das er fälschlicherweise - im Einklang mit den tradierten konservativ-antikommunistischen Klischees - mit dem Marxismus identifiziert, und das er ausmerzen möchte, indem er zunächst mit seinen terroristischen Anschlägen einen Bürgerkrieg zwischen Kulturkonservativen und Multikulturalisten entfachen wollte. Diese traditionell rechtsextremistische Vermischung von primitivem Antimarxismus mit Hass auf den Multikulturalismus/Fremdenliebe ist es schließlich auch, die Breiviks Opferauswahl bestimmt. Zunächst hatte er als attraktivstes Ziel seiner Mordpläne die internationale Journalisten-Konferenz Skup ausgewählt. Nachdem er diesen Plan aber aus Zeitgründen verwerfen musste, hatte er sich dann für das Ferienlager der sozialdemokratischen Jugend auf Utøya als nächstbestes Ziel entschieden. Die norwegische Sozialdemokratie und deren Jugend gelten ihm als Ausgeburt der Zerstörung der autochthonen Kultur durch Protegierung und Förderung von fremdkulturellen Migranten, d. h. als verräterische Todfeinde der notwendigen ethnozentristischen Revierverteidigung. Entsprechend definierte er seinen Massenmord auf Utøya als eine kleine Barbarei, um eine große Barbarei zu verhindern. In diesem Kontext bezeichnete Breivik in einem Atemzug die sozialdemokratische Jugend laut Presseberichten als eine Art „Hitlerjugend“, wobei die Insel Utøya als „marxistisches Indoktrinierungslager“ fungiere.

 

Anders Breiviks Persönlichkeit als zurechnungsfähige psychopathologisch-ideologische Synthese

Im Unterschied zu den Al Qaida-Größen wie dem Milliardärssohn Osma bin Laden oder dem aus einer angesehenen ägyptischen Familie stammenden Arzt Aiman az-Zawahiri[7] ist Anders Breivik kein „Terrorist der Mitte“, sondern ein gesellschaftlicher Außenseiter und weltanschaulich-politischer Sonderling, der psychopathologische Merkmale aufweist[8]. Dazu zählen ein ausgeprägter Narzissmus, ein daraus hervorgehender Hang zum imaginären Größenwahn sowie eine zwanghafte Beharrlichkeit, seine massenmörderischen (aber subjektiv ideologisch legitimierten und nicht einfach triebhaft gesteuerten) Ziele über einen längeren Zeitraum allein und planmäßig zu verfolgen und schließlich in die Tat umzusetzen.

Der Umstand aber, den Vorsatz zu einer massenmörderischen Tat auf der Grundlage einer subjektiv rekonstruierten eklektischen Legitimationsideologie über einen längeren Zeitraum systematisch und detailliert zu planen, gegenüber der Umwelt zu tarnen und situativ zu modifizieren, spricht eindeutig für Breiviks Zurechnungsfähigkeit. Denn psychopathologische Persönlichkeitsstruktur und Zurechnungsfähigkeit schließen sich nicht notwendigerweise aus[9].

Für Zurechnungsfähigkeit spricht im Falle Breiviks auch der Tatbestand, dass er sich der Abscheulichkeit seines Verbrechens voll bewusst ist. „Ich weiß, dass es grausam war, dass ich unbeschreibliches Leid zugefügt habe“, sagte Breivik vor Gericht. Ebenso bewusst ist ihm, dass er nicht nur seine Opfer tötete, sondern auch das Leben der Angehörigen und Hinterbliebenen zerstört hat. „Bis 2006 sei er ein normaler Mensch gewesen. Danach habe er sich über mehrere Jahre ‚entmenschlicht’“[10]. Die gezielt trainierte „Entmenschlichung“ bzw. Abstumpfung/Verrohung gehörte damit zu Breiviks bewusst-planmäßiger Tatvorbereitung, wobei ihm die emotionale Abkapselung des Soldaten im Krieg als Vorbild diente. „Auf die Frage eines Opferanwalts, warum er keinerlei Mitleid für seine Opfer zeige, erklärte Breivik: ‚Ich kann den mentalen Schutzschild ablegen, wenn ich will, aber ich mache es nicht, weil ich sonst nicht überleben würde.’ Dabei verglich er sich mit einem japanischen Banzai-Kämpfer zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Gleichzeitig kritisierte er norwegische Männer. Zu viele von ihnen seien ‚feminisiert, kochten und zeigten Gefühle’, sagte der Rechtsextremist.“[11] Andererseits sagte Breivik, der nicht damit gerechnet hatte den zunächst ausgeführten Bombenanschlag in Oslo zu überleben, er habe bei seinem Massaker auf Utøya mit 69 Toten auch Angst gehabt. „’Wenn eine Gruppe versucht hätte, Widerstand zu leisten, hätte sie das einfach geschafft.’ Eigentlich habe er so wenig wie möglich schießen wollen, sondern vielmehr die Jugendlichen ins Wasser scheuchen, wo sie ertrinken sollten. Zweimal habe er gerufen: ‚Ihr werdet heute sterben, Marxisten.’“[12]

Darüber hinaus vereinnahmt Breivik den Oklamoha-Attentäter Timothy Veigh sowie die deutschen neonazistischen Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhard (NSU) als gleich- oder ähnlich gesinnte Gewährsleute. An die norwegische und europäische Kulturelite gewandt, sagte Breivik vor Gericht: „Ich und meine revolutionären, nationalistischen Brüder und Schwestern stellen ihren schlimmsten Albtraum dar.“[13]

Die islamistischen Terroristen sehen sich als wahre Gottesdiener und Werkzeuge Allahs. Dennoch kommen auch sie trotz eines ausgeprägten Märtyrer- und Paradiesglaubens nicht gänzlich ohne ein spezifisches mentales Vorbereitungstraining aus. „Vieles deutet darauf hin, dass der physischen Selbstauslöschung bei den Suizid-Attentätern eine durch sakrale Trance-Praktiken (Dhikr, Tasawuff) bewirkte mentale Selbstauslöschung des Individuums vorausgeht“ (Trimondi und Trimondi S.2006, S. 459).

Breivik sieht sich und seine imaginierten „nationalistischen Brüder und Schwestern“ demgegenüber als entgegengesetzte Werkzeuge der ethnozentristischen Verteidigung und Reinhaltung des eigenen Volkes, die zunächst gegen die autochthonen multikulturalistischen Verderber und Verräter vorgehen müssten. Als vor Gericht Breiviks eigener Film gezeigt wurde - ein zwölf Minuten dauerndes Video, zusammengesetzt aus Bildern, Zeichnungen und Texteinspielungen und versehen mit dramatischer Musik aus dem Videospiel Conan - Zeitalter der Kriege - rührte ihn das zu Tränen. Die Antwort auf die Fragen der Staatsanwältin, warum er denn so emotional berührt reagiert habe, bringt Breiviks Synthese zwischen psychopathogischem Narzissmus und subjektispezifisch adaptierter Ideologie zum Vorschein. „’Weil ich daran denken musste, dass unser Land dabei ist zu sterben. Und dass meine eigene ethnische Gruppe dabei ist zu sterben’, antwortet Breivik. ‚Es ist die Sorge darüber, zusehen zu müssen, wie das eigene Land und das eigene Volk dekonstruiert werden.’ Außerdem sei er stolz auf das Video, fügt er hinzu. ‚Dies ist mein erstes YouTube-Video, und ich bin damit zufrieden.’“ Diese psychopathologisch-ideologische (Fehl-) Verbindung zwischen (narzisstischem) Ich und (ideologisch-eklektisch beweihräuchertem ) Wir, obendrein gepaart mit einem antimarxistisch extrem verzerrten Hass gegen naiv-unkritische „Fremdenliebe“, bildet die Quintessenz von Breiviks zurechnungsfähiger massenmörderischer Verrücktheit.

In letzter Konsequenz ist Breiviks unsägliches Verbrechen ein Kollateraleffekt der noch erheblich schlimmeren Verbrechen des 11. September 2001 im Namen des Islam. D. h., auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Ohne 9/11 (und die sich anschließenden islamistischen Terroranschläge in Europa) hätte es den Massenmord in Norwegen wohl nicht gegeben.

Unabhängig vom Einzelfall Breivik ist aber jetzt und in Zukunft die vielfältig vermittelte affektive Wirkung zu beachten, die von einer realitätswidrig-kritiklosen und abstrakt-pauschalen Fremdenfreundlichkeit, insbesondere im Hinblick auf streng gläubige islamische Zuwanderer und deren Einstellungen und Verhaltensweisen, ausgeht[14]. So erzeugt die zunehmende Ausbreitung vormodern-reaktionärer islamischer Herrschaftskultur in Europa sowie deren Verharmlosung und Begünstigung seitens großer Teile der politischen Herrschaftsträger ein größer werdendes Potenzial an Wut und Empörung innerhalb der einheimischen Bevölkerung, die schlussendlich die Folgelasten des islamischen Migrationsimports tragen muss. Auf die Dauer wird es deshalb nicht gut gehen, jede Form der Islamkritik zu kriminalisieren, zu pathologisieren oder als „rassistisch“ zu verleumden. Wer seriöse, menschenrechtlich-demokratische orientierte Kritik am Islam kontinuierlich diffamiert und ausgrenzt, alle Islamkritiker über einen Kamm schert und hemmungslos in den Dreck zieht, darf sich auf der anderen Seite über den Zulauf zu rechten Demagogen und ein anschwellendes Aggressionspotenzial weder wundern noch beschweren.

Juni 2012

 

Zitierte Literatur:

Brisard, Jean-Charles; Dasquié, Guillaume: Die verbotene Wahrheit. Die Verstrickungen der USA mit Osama bin Laden. Zürich 2002. 3. Auflage.

Galperin, Pjotr J.: Zu Grundfragen der Psychologie. Köln 1980.

Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre: Al-Qaida. Texte des Terrors. München 2006.

Marx, Karl: Die Kriegserklärung - Zur Geschichte der orientalischen Frage. In: Marx-Engels-Werke, Band 10, Berlin 1961, S. 168-176.

Trimondi, Victor und Victoria: Krieg der Religionen. Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse. München 2006.


 

[1] „Die anatomisch-physiologischen Eigenschaften des menschlichen Organismus bestimmen weder die Art noch den Charakter, noch die äußersten Möglichkeiten des Menschen im voraus und sind in diesem Sinne schon nicht mehr biologische, sondern organische Eigenschaften. Sie sind nicht die Ursache, sondern die conditio sine qua non (die unabdingbare Voraussetzung) der Entwicklung des Menschen“ (Galperin 1980, S. 214).

[2] Diesen lebensgeschichtlichen Traumata liegen häufig gravierende Konflikterfahrungen mit diversen intra- oder extrafamiliären Autoritäten zugrunde. Die daraus resultierenden Aggressionen können entweder autoaggressiv/introvertiert gegen das eigene Selbst oder aktivistisch/extrovertiert auf Ersatzsobjekte (ideologisch angebotene Feindbilder) zielverschoben werden.

[3] Irrational-antihumanistische Ideologien, die auf speziellen Wahn- bzw. rational nicht begründbaren Einbildungssystemen beruhen (zum Beispiel „Gott“/Auserwähltheit oder „Rasse“/Auserwähltheit), ließen sich im Näheren auch als objektiv vergegenständlichte Massenpsychopathologie klassifizieren.

[4] Diese Sichtweise ist insofern verkürzt, als dass hier das stark wirkende neutestamentliche Pradigma der Enthauputung Johannes des Täufers übersehen wird.

[5] Die Marxsche Theorie liefert insbesondere zweierlei: Zum einen die kategorial-methodisch reflektierte Erforschung der widersprüchlichen Anatomie der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und zum anderen einen wissenschaftlichen Leitfaden zur kritischen Analyse zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse in ihrer geschichtlichen Bewegungsdynamik. Damit enthält sie auch den Schlüssel zum begreifenden Durchdringen der vormodern-islamischen Herrschaftskultur in ihrem Gegensatzverhältnis zur europäisch-kapitalistischen Moderne. Nirgends gibt es bei Marx (und übrigens auch Engels) bzw. im Rahmen des „wissenschaftlichen Sozialismus“ auch nur den leisesten Anflug von Verharmlosung oder Schönfärbung nichtwestlicher vormoderner bzw. rückständig-religiöser Herrschaftskultur oder so etwas wie einen sentimental-rührseligen Multi-Kulti-Affekt. Islamapologetik und die „gutmenschlich“-naive Schönfärbung nichtwestlicher Herrschaftskulturen wäre für Marx und Engels nicht weiter als eine Verachtung heischende Verirrung gewesen: „Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige. Der Ungläubige ist ‚harby’, d. h. der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen. In diesem Sinne waren die Seeräuberschiffe der Berberstaaten die heilige Flotte des Islam.” (Marx-Engels-Werke, Band 10, S. 170; Hervorhebung von mir, H. K.). Über das Leiden der Juden in Jerusalem zur damaligen Zeit heißt es im selben Text von 1854: „(…) sie sind unausgesetzt Gegenstand muselmanischer Unterdrückung und Unduldsamkeit, von den Griechisch-Orthodoxen beschimpft, von den Katholiken verfolgt und nur von den spärlichen Almosen lebend, die ihnen von ihren europäischen Brüdern zufließen.“ (S. 176).

[7] „Osama bin Laden ist lediglich das Symbol für die wichtigsten religiösen und finanziellen Interessen, die auch die Grundlage für die Zukunft des saudi-arabischen Systems bilden. Die Netzwerke, die ihn unterstützen, ... seien es islamische Banken oder karitative Einrichtungen, sind auf Dauer angelegt, und es ist eher unwahrscheinlich, daß sie mit Osama bin Laden verschwinden“ (Brisard/Dasquié 2002, S. 108).

[8] Welche Relevanz der Aussage von Breiviks Mutter, ihr Sohn habe in den letzten Jahren eine intensive Angst vor Krankheiten und Mikroben entwickelt, beizumessen ist, kann hier nicht geklärt werden. Mir erscheint es doch eher von sekundärer Bedeutung zu sein.

[9] Der gesellschaftliche und massenmedial durch die Boulevardpresse bestärkte Hang, Massenmörder per se als „Monster“ zu dämonisieren und damit gleichzeitig antiaufklärerisch zu mystifizieren, ist zwar psychologisch verständlich, widerspricht aber dem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse. Dabei geht es nicht darum, den Täter zu verharmlosen, sondern im Sinne des eingangs angeführten Zitats von Galperin zu begreifen, um ihn womöglich noch viel härter zu beurteilen.

[10] http://www.morgenpost.de/vermischtes/article106207066/Breivik-inspirierte-sich-mit-al-Qaida-Attentaten.html

[12] http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/brennpunkte_nt/article106206137/Protokoll-eines-Massenmords.html

[13] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-04/breiviks-traenen

[14] Angesichts der sich wechselseitig negierenden und emotional hochschaukelnden Bipolarität zwischen abstrakt-pauschaler Fremdenfeindlichkeit und abstrakt-pauschaler Fremdenfreundlichkeit hat es eine dritte, m. E. allein adäquate Position schwer, sich zureichend Gehör zu verschaffen, nämlich die (herrschafts-)kritische Analyse und Bewertung des Fremden auf der Basis emanzipatorischer Maßstäbe, die man auch an sich selbst anlegt und insofern eine gleichberechtigt-solidarische Beziehung zwischen „Ich und Du“ gewährleisten. Charakteristisch für diese dritte Position sind folgende Merkmale: Sie ist nicht vorausurteilend, korrekturoffen und basiert auf konkreten (transparenten) Begründungen. Ausschlaggebend für die Analyse und Bewertung ist nicht die - entweder verteufelte oder romantisierte - Fremdheit des Anderen, sondern sind die Beschaffenheit seiner praktizierten Gesinnung, seiner Intentionen und handlungsrelevanten Überzeugungen (in Abhebung von sekundären Aspekten wie Äußerlichkeiten, Körpermerkmale, Eßgewohnheiten etc.).